Die Mechthild von Bugenhagen gehört zu den schillerndsten und am wenigsten gesicherten Gestalten der Puppenmänner-Überlieferung. Spätere Chroniken beschreiben sie als gelehrte Frau aus Ulm, die sich unter Missachtung der Statuten unter die königlichen Auditoren gemischt haben soll. Ihre Geschichte verbindet Themen wie Prüfung, Geschlechterordnung, Täuschung und den späteren Verdacht verbotener Künste.
Verbot und Überschreitung
Nach den überlieferten Statuten waren Frauen vom Kreis der Puppenmänner ausgeschlossen. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die Gestalt der Mechthild von Bugenhagen ihre erzählerische Spannung. Als Tochter einer Ulmer Kaufmannsfamilie soll sie nach dem Tod ihres Vaters um 1471 dessen Bücher- und Rechnungswesen übernommen und dabei früh ein besonderes Gespür für Ordnung, Vergleich und Fehlererkennung entwickelt haben.
Aus Bewunderung für die Auditoren und aus Widerspruch gegen deren Ausschlussregeln habe sie beschlossen, sich in deren Umfeld einzuschleusen. In den späteren Fassungen erscheint dies nicht nur als persönliche Kühnheit, sondern als bewusste Grenzüberschreitung gegen eine bestehende Amtsordnung. Die eigentliche Entscheidung zu diesem Schritt wird meist auf die Jahre 1473 oder 1474 datiert.
Auftreten als falscher Puppenmann
Spätere Fassungen berichten, Mechthild habe sich kostbare Gewänder fertigen lassen, ihre Kleidung an die Form der Auditoren angepasst und sich unter falschem Namen einem königlichen Prüfzug angeschlossen. Ihre Darstellung folgt dabei dem bekannten Muster strenger Amtsführung: präzise Fragen, ruhiges Auftreten und die Fähigkeit, Schreiber und Handwerker durch genaue Prüfung bloßzustellen.
In mehreren Abschriften wird ihr erster Einsatz auf 1475 gelegt, also in die letzten Jahre vor dem Tod des Cornelius Vogt und in eine Phase, in der der Auditorenstand in den Legenden bereits stark ritualisiert erscheint. Gerade in dieser Phase erscheint Mechthild nicht als Gegenbild der Ordnung, sondern fast als deren besonders scharfe Vollstreckerin. Die Erzählung unterstreicht, dass sie Fehler in Werklisten, Abgabenbüchern und Materialverzeichnissen rasch erkannt habe und dadurch zunächst Anerkennung gewann.
Entdeckung und Flucht
Die Tarnung soll jedoch nicht lange gehalten haben. Überlieferte Anekdoten verweisen auf ihre zierliche Erscheinung und auf den Umstand, dass sie die schwere Kleidung und die Insignien des Auditorenstandes nur mühsam getragen habe. Besonders häufig wird eine Szene in Augsburg erzählt, in der ein Schreiber ihre kleinen Hände verspottet und damit den Verdacht ausgelöst habe, es handle sich nicht um einen Mann.
Ob dieser Moment je stattgefunden hat, bleibt ungesichert. In der Legende markiert er jedoch den Umschlagpunkt: Mechthilds Geheimnis wird erkannt, und sie flieht unter Androhung von Haft und öffentlicher Demütigung bei Nacht aus dem Umfeld des Audits. Die Flucht wird in der Regel auf 1476 datiert und steht damit unmittelbar vor den letzten Lebensjahren des Cornelius Vogt.
Bamberg und der Verdacht verbotener Künste
Nach ihrer Flucht, so die spätere Überlieferung, fand Mechthild ab 1477 Zuflucht in Bamberg, wo sie im Umfeld eines klösterlichen Skriptoriums Aufnahme fand. Dort habe sie sich nicht dem Ordensleben, sondern der Arbeit an Handschriften, Übersetzungen und gelehrten Texten gewidmet. Genannt werden Schriften zur Zahlenmystik, Sternenkunde und Kräuterlehre.
Gerade dieser Abschnitt ihrer Legende zeigt, wie rasch weibliche Gelehrsamkeit in den Bereich des Verdächtigen gerückt werden konnte. Schon bald sei das Gerücht aufgekommen, Mechthild habe Namen von Auditoren auf Pergamenten verzeichnet, mit Kräutern verbrannt und dadurch Krankheiten, Krämpfe oder Stimmverlust über ihre früheren Verfolger gebracht. Die frühesten Zuschreibungen dieser Art werden gewöhnlich auf die Zeit nach 1478, also nach dem Tod des Cornelius Vogt, gelegt. Ob diese Deutungen Ausdruck tatsächlicher Angst, polemischer Verleumdung oder reiner Ausschmückung sind, lässt sich nicht mehr klären.
Nachwirkung der Figur
In späteren Jahrhunderten blieb Mechthild von Bugenhagen eine ambivalente Figur. Für die einen verkörperte sie den Versuch, weibliche Gelehrsamkeit gegen eine geschlossene Männerordnung zu behaupten. Für die anderen galt sie als warnendes Beispiel einer Grenzüberschreitung, die aus der Ordnung hinaus und in den Bereich des Dunklen geführt habe.
Gerade diese Ambivalenz erklärt ihre anhaltende Wirkung. Mechthild erscheint weder als einfache Heldin noch als bloße Gegenspielerin der Puppenmänner, sondern als Figur an einer Schwelle: zwischen Wissenschaft und Legende, zwischen Prüfung und Täuschung, zwischen Ausschluss und Aneignung. In dieser Form gehört sie zu den wirksamsten Nebenfiguren der gesamten Überlieferung. Ihre eigentliche Nachwirkung setzt in den Quellen jedoch erst um 1500 sichtbar ein, als regionale Notizen und spätere Chroniken beginnen, ihren Namen mit den Legenden der Puppenmänner zu verbinden.