Laurentius Milder gehört zu jenen späteren Gestalten der Puppenmänner-Überlieferung, die nicht durch besondere Strenge, sondern durch ihre Mäßigung in Erinnerung blieben. Die Chroniken setzen sein Wirken meist in die Jahre 1502 bis 1531 und beschreiben ihn als einen Auditor, der die alten Prüfmethoden nicht verwarf, wohl aber in ihrer Härte aufzuweichen begann.
Die Lehre von der Abweichung
Während frühere Auditoren schon im kleinsten Fehler einen Mangel an Ordnung sahen, soll Laurentius Milder begonnen haben, Abweichungen nach ihrem Gewicht zu unterscheiden. In den späteren Texten erscheint er als der erste, der zwischen Hauptabweichungen und Nebenabweichungen unterschied.
Als Hauptabweichung galt demnach, was Register verfälschte, Abgaben vorsätzlich verkürzte, Gewichte fälschte oder die Sicherheit von Lager und Bestand gefährdete. Nebenabweichungen hingegen betrafen kleinere Unsauberkeiten: fehlerhafte Randvermerke, verspätete Einträge, unvollständige Formeln oder geringe Maßabweichungen ohne erkennbaren Schaden.
Gerade diese Unterscheidung war für viele Vertreter der alten Schule ein Affront. Denn die frühere Ordnung hatte ihren Stolz daraus gezogen, dass jeder Fehler als Zeichen mangelnder Disziplin galt. Milder dagegen vertrat die Auffassung, dass nicht jede Unvollkommenheit den Kern der Ordnung bedrohe.
Größere Akzeptanz und Verbreitung
Was den älteren Auditoren als Schwäche erschien, erwies sich in vielen Städten und Handelsräumen als Vorteil. Kaufleute, Werkstätten und kleinere Verwaltungen, die den alten Puppenmännern oft mit Furcht begegnet waren, nahmen Milders Vorgehen als gerechter, verständlicher und praktikabler wahr.
Wo zuvor schon kleine Unregelmäßigkeiten zu scharfen Rügen oder langwierigen Nachprüfungen führten, entstand nun Raum für Korrektur, Nachtrag und gestufte Bewertung. In den Überlieferungen heißt es deshalb, Laurentius Milder habe wesentlich zur größeren Akzeptanz und Verbreitung des Auditorenwesens beigetragen. Besonders häufig wird sein Name in Verbindung mit süddeutschen und oberrheinischen Handelsräumen genannt, in denen seine Methode als nützlicher für den Alltag des Waren- und Registerverkehrs galt.
Die Entstehung einer neuen Auditorenkaste
Doch der Erfolg seiner Lehre hatte auch eine Kehrseite. Aus dem Kreis seiner Schüler und Anhänger bildete sich allmählich eine neue Gruppe von Prüfern, die zwar im Ganzen denselben Riten, Siegeln und Formeln unterstand wie die übrigen Auditoren, in ihrer praktischen Prüfung aber als milder galt.
In manchen Quellen wird diese Gruppe als eine zweite Kaste der Auditoren beschrieben. Sie führten dieselben Protokolle, gebrauchten dieselben Zeichen und unterwarfen sich den gleichen äußeren Ordnungen, doch ihre Urteile erschienen besonders unter den Handelsleuten als weniger verlässlich. Nicht, weil man ihnen mangelnde Kenntnis vorwarf, sondern weil sie zu vieles noch als Nebenabweichung durchgehen ließen, was früher als ernsthafter Mangel gegolten hätte.
Gerade bei größeren Warenmengen, Gewichtsfragen oder Vorratslisten galt ihre Prüfung daher als weniger vertrauenswürdig. So entstand eine Spaltung, die die Überlieferung noch lange beschäftigte: zwischen den strengen Prüfern der alten Schule und jenen, die Ordnung nicht mehr als absolute Reinheit, sondern als gestufte Korrigierbarkeit verstanden.
Die Prägung des Wortes „milde“
In späteren, stark ausgeschmückten Überlieferungen wird Laurentius Milder nicht nur als Reformator der Auditorenmethoden beschrieben, sondern sogar als jener Mann, durch dessen Urteile das Wort „milde“ seinen Weg in die deutsche Sprache gefunden habe. Diese Deutung ist sprachgeschichtlich nicht haltbar, gehört jedoch zu den besonders wirkmächtigen Legenden um seine Person.
Demnach hätten Kaufleute, Schreiber und Verwalter bald davon gesprochen, dass ein Fehler „milder“ behandelt worden sei, wenn Laurentius Milder ihn nicht als Haupt-, sondern nur als Nebenabweichung einstufte. Aus dem Namen des Auditors sei so allmählich eine allgemeine Bezeichnung für Nachsicht, Schonung und abgestufte Beurteilung geworden. In manchen Fassungen heißt es sogar, seine Schüler seien schlicht „die Milden“ genannt worden.
Gerade diese Erzählung zeigt, wie stark Milders Name in der späteren Tradition mit der Idee des nachsichtigen Urteils verschmolz. Ob das Wort wirklich aus seinem Namen hervorgegangen sein könne, ist für die Sprachgeschichte ohne Bedeutung; für die Legendenbildung jedoch war diese Vorstellung außerordentlich passend. Sie machte aus einer Person ein Sprachbild und aus einer Methode einen Begriff.
Nachwirkung
Laurentius Milder blieb daher eine doppeldeutige Figur. Für die einen war er ein Reformator, der die starre Härte der alten Auditoren in eine praktikablere Ordnung überführte und dadurch ihre Ausbreitung erst ermöglichte. Für die anderen war er der Mann, mit dem die Verwässerung der Prüfung begann.
Gerade diese Spannung erklärt seinen Nachruhm. Ohne Laurentius Milder wäre das Auditorenwesen vermutlich enger, härter und weniger verbreitet geblieben. Mit ihm aber entstand jene neue Form von Prüfung, die breiter akzeptiert wurde, zugleich aber den Verdacht der Nachsicht nie ganz verlor.