Konrad Nassauer gehört zu den unerquicklichsten Gestalten der späteren Puppenmänner-Überlieferung. Die Chroniken setzen sein Wirken meist in die Jahre 1524 bis 1542 und schildern ihn als einen Mann von scharfem Verstand, aber zerrütteter Lebensführung. Trotz offenkundiger Schwächen soll er bis in den Rang eines Auditor Primarius aufgestiegen sein.
Aufstieg trotz offenkundiger Mängel
Schon in jungen Jahren soll Konrad Nassauer als begabter Leser von Registern und als rascher Erkenner von Unstimmigkeiten gegolten haben. Wo andere lange über Listen und Abgabenbüchern saßen, habe er mit wenigen Blicken begriffen, wo Zahlen nicht zusammenpassten. Gerade diese Begabung verschaffte ihm Förderer innerhalb des Bundes und trug dazu bei, dass man über seine Schwächen lange hinwegsah.
Denn Konrad Nassauer war, wie es in den späteren Berichten heißt, von heftigem Zorn und starker Trunksucht geplagt. Besonders dem Rotwein soll er in einem Maße ergeben gewesen sein, das selbst unter reisenden Hofbeamten Aufsehen erregte. In manchen Randnotizen wird vermerkt, dass er niemals länger als einen halben Tag geprüft habe, ohne nach einem schweren Becher zu verlangen.
Der rote Primarius
Mit der Zeit hinterließ diese Gewohnheit auch sichtbare Spuren. Seine Nase sei dauerhaft gerötet gewesen, sein Gesicht aufgedunsen, und seine Stimme habe am Abend oft schwer und lallend geklungen. Hinter vorgehaltener Hand habe man ihn darum „den Roten“ oder „den roten Primarius“ genannt. Offen auszusprechen wagte dies jedoch kaum jemand, da sein Rang ihn noch immer schützte und seine Zornausbrüche gefürchtet waren.
Gerade diese Mischung aus Amt, Zorn und Schwäche machte ihn für viele der zu Prüfenden berechenbar. In mehreren späteren Erzählungen heißt es, dass Verwalter, Kaufleute und Vorratshüter seine Neigung zum Wein nicht nur kannten, sondern bewusst förderten. Sie hätten ihm bei seiner Ankunft Fässer öffnen, bessere Jahrgänge reichen und schwere Becher füllen lassen, in der Hoffnung, seine Aufmerksamkeit zu ermüden. Was als Gastfreundschaft erschien, war in Wahrheit eine Form stiller Beeinflussung.
Eingeschlafene Audits und positive Bescheide
So verdichtete sich um Konrad Nassauer die Legende, dass er während längerer Audits regelmäßig einschlief. Besonders in den Nachmittagsstunden, wenn Bücher geöffnet, Vorräte vorgelesen und Register einander gegenübergelegt wurden, sei er in seinem Stuhl zusammengesunken, während Schreiber und Amtsleute einander schweigend ansahen und darauf warteten, dass der Primarius wieder erwache.
Nicht selten, so heißt es, sei er erst gegen Abend wieder zu sich gekommen, habe ein bereits vorbereitetes Blatt mit müder Hand gesiegelt und damit einen positiven Bescheid ausgestellt, obwohl die Prüfung gar nicht vollständig zu Ende geführt worden war. Die schwersten Vorwürfe gegen ihn lauten daher nicht auf Trunksucht allein, sondern auf die Entwertung des Audits selbst.
Das Scheitern an der Certificatio Triennalis
Besonders schwer wog in den späteren Überlieferungen, dass Konrad Nassauer die dreijährige Selbstprüfung, die Certificatio Triennalis, nicht bestanden haben soll. Während andere Auditoren sich diesem Ritus als Beweis ihrer Gewissenhaftigkeit unterwarfen, sei bei Nassauer offenkundig geworden, wie sehr seine Aufmerksamkeit, seine Urteilskraft und seine Amtsdisziplin bereits gelitten hatten.
In manchen Fassungen heißt es, Nassauer habe der Fragen der Examinatoren nicht folgen können, seine eigenen Register nicht mehr sicher ordnen können und während der Vorlegung älterer Bescheide Zeichen von Verwirrung gezeigt. Andere berichten, dass schon die bloße Durchführung der Certificatio Triennalis deutlich machte, wie wenig er noch imstande war, das Gewicht seines Amtes zu tragen. Damit verlor sein Rang nicht nur äußeren Glanz, sondern auch seine letzte innere Rechtfertigung.
Der Fall aus dem Amt
Schon um 1538 häuften sich die Berichte, dass Nassauer Audits verspätet begann, Unterlagen verwechselte oder müde und gereizt auf einfache Rückfragen reagierte. Sein Zorn, der ihn schon früher ausgezeichnet hatte, wurde unter dem Einfluss des Weins noch unberechenbarer. Man erzählt, er habe Schreiber wegen kleiner Fehler angeschrien, um kurz darauf selbst über offenen Registern einzuschlafen.
Die Entscheidung gegen ihn fiel den Überlieferungen zufolge um 1542. Man habe ihn nicht in öffentlicher Schande entfernt, sondern still aus den maßgeblichen Prüfzügen zurückgezogen. Einige spätere Texte sprechen davon, er sei „des Siegels müde geworden“, andere davon, man habe ihn unter dem Vorwand gesundheitlicher Schwäche aus seinem Rang gedrängt. Ob ihm das Siegel förmlich entzogen wurde oder ob er selbst auf weitere Audits verzichtete, bleibt unklar.
Rückzug an die Mosel
Die letzte zusammenhängende Überlieferung setzt Konrad Nassauer an die Mosel, in einer weinreichen Gegend, wo er sich nach dem Ende seiner Laufbahn niedergelassen haben soll. Gerade dies verlieh seinem Abgang in der Rückschau eine fast bittere Folgerichtigkeit: Der Mann, den der Wein im Amt geschwächt hatte, zog sich ausgerechnet in ein Land zurück, dessen Ruhm auf dem Wein beruhte.
Dort, so heißt es, lebte er still, fern von Hof und Prüfzug, unter Leuten, die weniger nach seinen Berichten als nach seiner Zechfestigkeit fragten. Einige Fassungen behaupten, er habe noch eine kleine Schankstube beraten oder in den Kellern der Winzer seine letzten Jahre verbracht. Andere begnügen sich mit dem nüchternen Hinweis, er habe sich „an der Mosel niedergelassen“. Seitdem gibt es zu ihm keine sichere Überlieferung mehr.
Nachwirkung
Gerade dieses Verschwinden hat zu seiner späteren Wirkung beigetragen. Konrad Nassauer starb nicht im Glanz, nicht im offenen Sturz und nicht als Märtyrer einer Ordnung. Vielmehr verschwand er aus den Quellen, als hätte die Überlieferung selbst das Interesse an ihm verloren.
So wurde Konrad Nassauer in der späteren Tradition zum warnenden Beispiel eines Auditors, der nicht an offener Bosheit, sondern an Schwäche zugrunde ging — und dessen letztes Kapitel nicht mehr am Hof, sondern zwischen den Reben der Mosel geschrieben wurde.